Consumer-Microsoft – mein persönliches Abschiedsschreiben

Liebes Microsoft,

rund vier Jahre ist es her, dass ich das erste Mal mit Deinem mobilen Betriebssystem in Verbindung kam: Windows Phone 8.1 auf einem Lumia 1020. Ein würdiger Nachfolger des 808 PureView, geliehen von Nokia Deutschland – einem Unternehmen, dem die Entwickler nicht einfach nur egal waren. Insgesamt neun Monate besaß ich das Gerät, ehe ich es wieder zurückgeben musste. Zurückgeben, weil Du die Smartphone-Sparte der Finnen übernommen hattest und die Unterstützung kleiner Entwickler nicht zu Deinen Stärken gehört(e). Doch ich machte mir nichts draus, organisierte mir ein Lumia 535 und wartete auf ein Highend-Smartphone, welches ich mit dem Lumia 950 auch bekam. Selbst erworben, drei Monate nach Verkaufsstart über eBay Kleinanzeigen für die Hälfte der unverbindlichen Preisempfehlung, für das doppelte des Straßenpreises wenige Monate später.

Es war 2016 – die Welt war noch schön: Dein Konzept von einem System für Smartphone und Desktop machte Sinn, es stellte ein Alleinstellungsmerkmal dar und bot zusammen mit Continuum und den universellen Apps eine verknüpfte Welt aus Schreibtisch und Weltreise. Kein Wunder, dass ich mich darin wiederfand und so manch App aus der Senke schuf, Unternehmen dazu bringen wollte, Apps für die Plattform zu veröffentlichen, in dem ich mit einer fast fertigen App an sie herantrat. Doch das Interesse war gering. Du hattest einen schlechten Ruf und Satya Nadellas Satz We want to move from people needing Windows to choosing Windows, to loving Windows. spiegelte diesen Ruf wieder.

Leider hast Du es nicht geschafft, die Leute dazu zu bewegen, Windows zu lieben. Vielleicht, weil Computer für junge Generationen zu groß und klobig sind. Vielleicht, weil Windows-Nutzer zu sehr an altem festhalten wollen. Vielleicht, weil die großen „News“-Seiten Dich immer gehasst haben und aus den lächerlichsten Kleinigkeiten die größten Skandale gemacht haben. Vielleicht, weil der Mensch ein komisches Wesen ist, dass sich darüber aufregt, wenn sein Computer anonyme Telemetrie-Daten sammelt und zur Verbesserung an den Hersteller schickt, gleichzeitig aber im Jahr 2018 auf seinem Android 6.0-Smartphone eine WhatsApp-Nachricht an seine Laufdame verschickt. Denn es ist ja egal, dass Facebook und damit Dutzende andere Unternehmen wissen, dass ich zu hässlich bin, um eine Frau fürs Leben zu finden. Aber wehe, WEHE Microsoft weiß, dass irgendein Nutzer in Deutschland seine Steuererklärung auf Windows 10 mit der WISO-Software macht und gleichzeitig noch den VLC Player installiert hat.

Vielleicht hast Du diesen Schritt aber auch nicht geschafft, weil Du unzuverlässig geworden bist. Zum Beispiel, wenn Outlook wichtige Mails von meinem Arbeitgeber als Spam einstuft. Oder Outlook es selbst auf Android nicht hinbekommt, die Kontaktbilder herunterzuladen und zu synchronisieren. Oder Du jeden Nutzer alle halbe Jahre dazu zwingen willst, zum Teilzeitadministrator werden zu lassen, weil Deine neueste, zwangsweise installierte Betriebssystem-Version zwei kleine neue Features hat, aber dafür für zwanzig neue Probleme sorgt und das System langsamer machen lässt als zuvor. Eine neue Version, die Du trotz der wenigen Verbesserungen schlimmer aufdrückst, als es Facebook mit Werbung im Newsfeed tut.

Den Höhepunkt erreicht hast Du für mich vor einem Jahr. Vor einem Jahr, als ich die neue Version auf meinem Lumia 950 installiert habe. Erinnerst Du Dich noch? Du hast Dir damals viel Mühe gegeben, die Darstellung der integrierten Karten komplett neu zu programmieren. Mit neuen Schnittstellen für Entwickler (die keiner nutzt, weil keiner dafür entwickelt) und einer 3D-Landschaftsansicht, damit ich im Navi sehen kann, dass rechts von der Autobahn Berge sind und hinter der nächsten Kurve ein Tal. Einfach nur für den Fall, dass die Windschutzscheibe beschlagen ist. Diese Verschlimmbesserung hat aber auch dafür gesorgt, dass alle Straßennamen, Autobahnnummern und Städtenamen nach jeder Bewegung der Karte mit meinem Finger drei Sekunden brauchen, bis sie wieder angezeigt werden. Kombiniert mit diversen Abstürzen während der Navigation hatte ich tatsächlich nach einer Woche die Schnauze voll und ein Google Nexus 5X in der Hand.

Ich wollte mich dem neuen Microsoft stellen. Dem Microsoft, welches Apps erst für iOS und Android entwickelt und dann (vielleicht) für die eigenen Geräte. Doch die Kontaktbilder waren nicht da, egal was ich tat. Und so verließ ich Dich Stück für Stück: Wechselte von Windows 10 Mobile zu Android, wechselte von Edge zur Firefox, wechselte von der All-In-Lösung für Kontakte, Mails und Kalendereinträge Outlook zu OwnCloud. Was mir noch fehlt, ist ein Ersatz für meine To-Dos und Notizen, nachdem Du die wohl bekannteste deutsche Start-up-App Wunderlist aufgekauft und mit ihr das gleiche gemacht hast, wie mit Skype – viel zu lange nichts. Auch fing ich an, Dich bewusst zu ignorieren: Sei es bei Deinem Android-Launcher oder bei Deiner glorreichen Zukunft, Azure. Jenes durfte ich leider nicht mal wirklich ausprobieren, denn Du verlangst dafür alternativlos eine echte Kreditkarte als Zahlungsmethode.

Nun verwende ich das Nexus 5X bereits seit einem Jahr, ein wenig vermisse ich das Lumia 950 aber doch. Sei es beim erweiterbaren Speicher oder der Kamera. Immerhin habe ich jetzt aber ein System, welches performant läuft, durch Updates versorgt wird und mittlerweile dank LineageOS mir sogar ein dunkles Theme mit gelber Akzentfarbe bietet. Da Du die Karten von HERE verkauft hast, habe ich auf dem Nexus mittlerweile gar keine von Dir entwickelte App mehr installiert – ein Glück, keine App bei der ich mich darum sorgen muss, dass sie urplötzlich von Dir neu konzipiert (siehe Skype) oder komplett eingestellt wird (siehe Groove Music).

An dieser Stelle frage ich mich dann immer, welche Zukunft Du bei jungen Menschen haben wirst. Oder wirst Du überhaupt eine haben? Willst Du überhaupt eine haben? Oder willst Du nur im Hintergrund agieren als ein ersetzbares Komplex von Serverfarmen und künstlicher Intelligenz? Dann, liebes Microsoft, wirst Du diesen Weg dahin leider ohne mich gehen müssen. Dass Du damit aber Menschen finden wirst, die Windows – oder von mir aus auch Microsoft als ganzes – lieben, halte ich für unwahrscheinlich.

Trotzdem wünsche ich Dir bis dahin alles Gute und wer weiß, bekanntlich sieht man sich ja immer zweimal im Leben…

Deine Meinung ist gefragt!
Mein Abschied ist als Anwender bis auf Office und Visual Studio (Code) vollbracht. Wie schaut es bei Dir aus, welche Microsoft-Dienste verwendest Du noch und welche nicht mehr? Bin auf eure Meinungen gespannt...

2 Kommentare zu “Consumer-Microsoft – mein persönliches Abschiedsschreiben

  1. Ich hoffe das du weiterhin deine MS Apps betreust. Ich habe weiterhin ein Lumia 950 wegen der unschlagbar guten Fotos und Videos aber benutze primär ein iPhone SE.

    1. Das ist geplant, also PitlaneOne bekommt auf jeden Fall noch die Saison-Updates und Wodel hoffentlich mal die Channels, die hier halb fertig rumliegen… Großartig neue Funktionen wird es bei den anderen Apps aber nicht mehr geben, schätze ich.

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