MWC 2018: Der fehlende Kopfhörer-Eingang beim Smartphone

Bei manchen Trends und Ideen merkt man, wie langweilig es einer Branche sein muss. Bestes Beispiel im Smartphone-Bereich ist hier mein persönlicher Negativ-Trend, der 2016 schon angefangen hat und darauf beruht, beim Smartphone den Kopfhörer-Eingang wegzulassen. Größte Aufmerksamkeit bekam das Thema vor anderthalb Jahren, als Apple im Herbst 2016 das iPhone 7 und 7 Plus ohne eben jenen Eingang vorgestellt hat und spätestens seit der Vorstellung des Nokia 8 Sirocco auf dem Mobile World Congress in Barcelona beschäftigt das Thema auch mich, denn jenes Smartphone wäre ein potentielles gewesen, was ich mir womöglich dieses Jahr angeschafft hätte. Doch wieso scheint die Industrie diesen Anschluss, mit dem sie die letzten zehn Jahre problemlos klargeworden ist, aktuell so zu verabscheuen und was spricht für den aktuellen Trend?

Der Kopfhörer-Anschluss - bald Geschichte?

Argument 1: Mehr Platz für anderes!

Das Hauptargument, welches unter anderem auch Jai Mani, Product Leader bei Xiaomi India, in einem Interview mit thenextweb.com gebracht hat, ist der zusätzlich frei werdende Platz im Inneren des Smartphones. Durch den fehlenden Anschluss kann das komplette Innenleben anders gestaltet und aufgebaut werden, außerdem können so zum Beispiel größere Kameras, schmalere Ränder oder Akkus mit höherer Kapazität eingesetzt werden, so Mai weiter auf Reddit. Im nachfolgenden Foto von iFixit ist die Größe des Kopfhörer-Eingangs beim Samsung Galaxy S8 in der oberen linken Ecke zu sehen:

Platinen und Innenleben des Galaxy S8Platinen und Innenleben des Galaxy S8
Bild: iFixit

Wenn ich mir die aktuellen Smartphones so anschaue, schaffen diese trotz Versprechen im realen Betrieb immer noch nicht mehr als einen Tag ohne Steckdose oder Powerbank, dafür werden die Geräte immer dünner und zerbrechlicher. Und auch wenn ich Samsung nicht im besonderen anhimmeln tue, schafft es dieser Hersteller auch in das diesjährige Galaxy S9 eine etwas bessere Kamera einzubauen ohne den Kopfhörer-Eingang wegnehmen zu müssen.

Argument 2: Hauptsache einen halben Millimeter dünner!

Muss das sein? Das Nokia 808 PureView aus dem Jahr 2012, welches nüchtern betrachtet nicht viel weniger kann als das Nexus 5X oder andere aktuelle Smartphones (und wenn dann aufgrund der Software), hat eine Höhe von 1,3-1,7 Zentimetern, das Nexus kommt auf 0,8cm. Trotzdem ist das Kamera-Flaggschiff aufgrund eben jener Dicke am Rand so geschnitten, dass es sich anfühlt, als wäre es für die eigene Hand konzipiert, wo es ja meist verwendet wird – und nicht, um irgendwann so schmal zu sein wie eine Kreditkarte. Frei nach dem Satz Form follows function.

Das Nokia 808 ist zwar dicker, aber die Form der Hand angepasst

Würde man in das Gehäuse des Nokia 808 heutige Hardware einbauen und dem ganzen ein Betriebssystem spendieren, was wirklich gut programmiert ist, dann müsste man das daraus resultierende Gerät sicher nur alle drei Tage laden – und nicht jeden einzelnen. Stattdessen werden die Geräte nun zwanghaft verdünnt, dass selbst nützliche Hardware weichen muss, womit die Funktion flöten geht. Ein Punkt, den Martin von Dr. Windows schon bei Notebooks vor zwei Jahren angesprochen hat.

Argument 3: Heute geht doch alles kabellos.

Das mag stimmen und dem werde ich, der sich gerade erst eine kabellose Maus und Tastatur angeschafft hat, nicht widersprechen, denn mein Rechner sieht jetzt hinten viel viel aufgeräumter aus und ich kann den Computer vom Bett aus steuern, wenn ich zum Beispiel einen Film schaue oder so. Aber bei der Tastatur und Maus muss ich laut Herstellerangaben einmal im Jahr die Batterie wechseln. Die AirPods von Apple kommen laut Herstellerangaben auf eine Musikwiedergabedauer von sage und schreibe fünf Stunden. Das ist eine halbe Fernbusfahrt nach Berlin oder ein halber Flug in die Staaten – wobei man für Flugzeuge sicher die nächsten Jahre auf jeden Fall noch Kopfhörer mit Klinkenstecker besitzen muss.

Ja, es gibt sogar bezahlbare Kopfhörer*, die 12 Stunden oder mehr schaffen, wenn auch diese aufgrund des Kabels zwischen der rechten und linken Seite nicht direkt mit den AirPods vergleichbar sind. Ist man viel unterwegs, bedeutet das aber trotzdem: Entweder man kann nur Smartphone oder Kopfhörer laden oder man benötigt zwei Ladegeräte. Ob einem dieser kabellose Komfort das immer neue Laden wert ist, das sollte jeder selbst entscheiden können…

Argument 4: Dann wird es ja wasserfest.

Heutzutage werben viele Hersteller damit, dass ihre Smartphones wasserdicht sind. Die Norm DIN EN 60529 regelt dabei die unterschiedlichen Grade an Dichtigkeit, sodass zum Beispiel das am Anfang erwähnte iPhone 7 mit IP67-Zertifizierung gegen „zeitweiliges Untertauchen geschützt“ ist, wobei dieses bis zu einem Meter Tiefe und für maximal 30 Minuten erfolgen kann. Das oben auseinandergenommene Galaxy S8 hat sogar eine IP68-Zertifizierung und ist gegen „dauerndes Untertauchen geschützt (…)“, wofür unter anderem bei den Anschlüssen eine entsprechende Isolierung sorgt. Diese verhindert, dass Wasser und Staub ins innere des Geräts kommen kann, wie in diesem Video zu sehen.

Und wer sich noch an den Text zum ersten Argument erinnert, dem wird auffallen, dass das Galaxy S8 ja einen Kopfhörer-Eingang hat. Selbst wenn nicht, hat es immer noch den USB-C-Eingang und rein mechanisch gesehen müssen beide Eingänge gegen Wasser oder Staub auf gleiche Art und Weise geschützt werden.

Argument 5: Heul leise, es gibt ja Adapter!

Das mag durchaus stimmen, aber: Ja mei, sind wir denn hier bei Apple?

Ein Teil des Apple'schen Adapter-Wahnsinns (Bild: Rex Hammock; CC BY-SA 2.0)Ein Teil des Apple'schen Adapter-Wahnsinns
Bild: Rex Hammock; CC BY-SA 2.0

Ganz nebenbei bedeutet ein Adapter neben den Faktoren 1.) weitere Kosten, 2.) eine Sache mehr, an die man denken muss und 3.) unpraktische Verwendung zusätzlich auch, dass man damit den einen Anschluss des Smartphones komplett belegt – außer man kauft sich gleich einen 2-in-1-Adapter*, der USB-C und 3,5mm-Klinkenstecker hat. Aber dann kann man sich auch gleich einen USB-Hub ans Smartphone anschließen und da wären wir wieder bei Continuum, dem PC in der Hosentasche.

Fazit

Kommen wir endlich zu meinem persönlichen Fazit: Zwar mag der Kopfhörer-Eingang im Smartphone ein relativ großes Bauteil sein, rechtfertigt der Verzicht davon in meinen Augen in keinster Art und Weise den Gewinn von zwei Millimetern Bauhöhe, weil die Komponenten anders angeordnet werden können. Für nennenswert mehr Akku-Kapazität oder Kamera-Leistung reicht die wegfallende Größe dann wiederum nicht.

Gleichzeitig bedeutet der fehlende Anschluss entweder den Kompromiss in Form eines Adapters oder den Kauf von neuen kabellosen Kopfhörern, die wie ein Smartphone oder eine Smartwatch einmal am Tag geladen werden müssen. Geht man davon aus, dass die Feldstudie der Hersteller am Smartphone erfolgreich sein wird (denn man beachte, dass die letzten beiden iPhone-Generationen den Eingang nicht mehr haben, die letzten beiden MacBook-Generationen aber sehr wohl) oder dass wir Kunden den Wandel einfach so hinnehmen, wie sonst alles auch, bedeutet das, dass in den kommenden 20 Jahren alle 3,5mm-Klinkenstecker-Kopfhörer durch Bluetooth-Kopfhörer ersetzt werden. Na da freut sich unsere eh schon gefolterte Umwelt doch unfassbar…

PS: Dieser Blogeintrag beinhaltet aufgrund nicht vorhandener Testexemplare und Expertise bewusst nicht die Soundqualität. Falls sich jemand von euch hierzu auslassen möchte, auch gerne in Form eines Gastbeitrags, immer her damit… 😉

Deine Meinung ist gefragt!
Was hältst Du davon, dass immer mehr Hersteller keinen Kopfhörer-Eingang mehr in ihren Smartphones verbauen? Oder ist es Dir egal, weil Du nur noch kabellos Musik hörst? Schreib es unten in die Kommentare...
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Ein Kommentar zu “MWC 2018: Der fehlende Kopfhörer-Eingang beim Smartphone

  1. Die kabellosen Kopfhörer sind tatsächlich praktisch, wenn man mit der Bahn oder so fährt, aber das tägliche Aufladen ist halt auch nicht des Rätsels Lösung. Vielleicht wird die Energie irgendwann über den Körper oder die Luft aufgenommen, dann kann man das als einzige Alternative ansehen, aber bis dahin hätte ich gerne Kopfhörer, die ich einfach nur anschließen muss – ohne Adapter oder ähnlichem

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