Twitter’s PWA-„App“ für Windows 10: Vor- und Nachteile von Progressive Web Apps

Gestern hat Twitter seine seit längerer Zeit nicht mehr aktualisierte UWP-App für Windows 10 durch eine „Progressive Web App“ ersetzt (aktuell nur für Insider mit RS4). Den Begriff oder die Kurzform PWA wird man in letzter Zeit sicher über den Weg gelaufen sein, ist es doch der technische Hype schlechthin gerade, wie es das iPhone vor zehn Jahren war. Da ich in letzter Zeit das Gefühl habe, sehr viele aktuelle Veränderungen eher negativ zu sehen (wobei ich generell kein Mensch bin, der „Angst“ davor hat), möchte ich auch an dieser Stelle meine Sicht der Dinge kundtun.

Die Twitter-"Progressive Web App"

Was sind Progressive Web Apps?

Dabei ist natürlich zunächst zu klären, worüber wir hier überhaupt reden. PWAs, von mir auch gerne als „Performante Web App“ bezeichnet, sind im Grunde ganz nüchtern betrachtet mobile Webseiten. Etwas überspitzt handelt es sich dabei um eine Webseite, die auf so wenige Sachen reduziert wird, dass sie auf einem Smartphone performant läuft und den Bildschirm nicht überfüllt – quasi um eine mobile Webseite, wie sie vor fünf bis acht Jahren erstellt worden wäre. Groß skaliert am Beispiel von mobile.twitter.com handelt es sich um eine nicht überladene Desktop-Seite, wie sie vor fünf bis acht Jahren ausgesehen hätte (oder warum erinnert mich das mobile Twitter von 2018 am Desktop viel zu sehr an das Desktop-Twitter aus 2010?).

Im eigentlichen Konzept von Google lassen sich PWAs aus dem Browser heraus an den Startbildschirm anheften und starten. Beim Starten von diesem Punkt aus wird die Webseite dann aber in einem Fenster ohne die Browser-Elemente gestartet – es sieht so aus, als wäre es eine ganz normale App. Zusätzlich hat diese App dann auch die Möglichkeiten, auf lokalen Speicher zuzugreifen, um Daten abzulegen oder Benachrichtigungen zu versenden.

Im Konzept von Microsoft geht das alles aktuell noch nicht, soll mit dem Spring Creators Update von Windows 10 ab April aber möglich sein.

Was sind die Vor- und Nachteile von Progressive Web Apps?

Wollten große Plattformen bisher alle Nutzer erreichen, musste für jedes System eine Lösung her: Eine App für iOS, eine App für Android, eine Webseite für Desktop, eine Webseite für Mobile. Die letzten beiden Punkte wurden schon seit mehreren Jahren mit responsiven Webseiten vereint, die sich skalieren und die Elemente neu anordnen in Abhängigkeit davon, ob der Bildschirm groß oder klein ist (oder das Browser-Fenster größer oder kleiner gezogen wird). Auch für die Verschmelzung von iOS und Android gab es mit hybriden Apps (die Webseiten als App verpacken) oder mit Cross-Plattform-Apps (die einmal programmiert den Code auf mehrere Plattformen übersetzen) mehr oder minder gute Ansätze.

Progressive Web Apps versuchen nun, alle Lösungen zu verschmelzen oder anders ausgedrückt: Apps am Smartphone überflüssig zu machen, ohne das Nutzerverhalten ändern zu müssen. Welche Auswirkungen mittelfristig hierdurch entstehen können:

Keine Installation

Um eine PWA verwenden zu können, ist keine Installation nötig, lediglich der Aufruf der Webseite (Ausnahme Windows 10). Erst beim Anpinnen an den Startbildschirm werden die Elemente der PWA, die dauerhaft nötig sind, auf dem Gerät gespeichert, sodass nachfolgend nur noch neue Daten geladen werden müssen.

Auf vielen Seiten wird dieser Punkt gleichgesetzt mit „Weniger notwendiger Speicherplatz“ und Google führt dies in seinem App Showcase eindrucksvoll vor: So benötigt Twitter Lite nur 600 KB an Speicher, während es bei der Twitter-App für Android 23,5 MB sind.

Keine Updates

Unter Windows verhasst, auf anderen Plattformen gefeiert oder nie existent: Updates. Zumindest bei Apps werden sie mit PWAs überflüssig, denn möchten die Betreiber ein neues Design einführen oder neue Funktionen hinzufügen, wird die Webseite einfach aktualisiert. Das hat insbesondere zur Folge, dass man als Nutzer dem Betreiber bei solchen Änderungen ausgesetzt ist und nicht bei der alten Version bleiben kann, wenn Features entfernt oder das Design in die persönlich falsche Richtung geht.

Keine mehrfache Entwicklung

Durch die eine „App“ ist es nicht mehr notwendig, Webseite, iOS-App und Android-App separat zu entwickeln und zu aktualisieren. Das spart Unternehmen Entwickler und Geld, da es nur noch eine Lösung gibt.

Der App Store wird (fast) überflüssig

Dieser Punkt trifft nicht ganz zu, aber jegliche Apps, die Nachrichten anzeigen, Zugriff auf soziale Netzwerke oder die Buchung von Bahn-, Bus- oder Flugtickets ermöglichen, sprich jede App die einfach nur Daten anzeigt und eine einfache Interaktion damit ermöglicht, lässt sich als Progressive Web App umsetzen. Und nach Googles Vision ohne Store installieren. Warum Unternehmen das in Erwägung ziehen werden, steht im oberen Punkt: Geld.
Im App Store bleiben damit Spiele zurück und Anwendungen, die auf Systemfunktionen Zugriff erfordern – bis es für beides auch PWA-Lösungen geben wird.

An sich ist dieser Aspekt zunächst nicht negativ, denn so wird der Play Store bei Android und der App Store bei iOS als zentrale (oder einzige) Quelle für Apps überflüssig, was immer mal wieder zu Kontroversen gerade bei Apple sorgte. Das Auffinden von Apps ist außer über Werbung, Nachrichten oder Mundpropaganda dann nur noch über den gleichen einen Weg möglich, über den Webseiten gefunden werden können: Suchmaschinen…

Keine neuen Bedienkonzepte

Zu Anfangszeiten sahen iOS- und Android-Apps meist komplett unterschiedlich aus: Während Android je nach Hersteller kein wirkliches Benutzeroberflächenkonzept hatte, bot iOS das materielle Design an mit Schatten, 3D und Elementen, die dem ganzen einen möglichst natürlichen Eindruck gaben. Mittlerweile haben sich beide Plattformen im optischen Kern soweit angenähert, dass die Unterschiede bei Apps teilweise minimal sind. Wenn nun jede „App“ auf jedem Gerät gleich aussieht, hindert das mögliche neue Bedien- und Benutzeroberflächenkonzepte, wie es sie in der Vergangenheit mit BlackBerry 10 oder Windows Phone gab (ob sie gut angenommen wurden oder nicht, steht hier nicht zur Debatte).

Außerdem kann sich die App auch nicht wirklich an das System anpassen – der Gedanke, den Steve Jobs zu seinen Zeiten verfolgt hatte, dass das komplette System samt zusätzlicher Anwendungen aussieht wie aus einem Guss, ist damit weg.

Keine native App

Zudem handelt es sich bei einer PWA um keine native App, die die Hardware des Systems so ausnutzen kann wie es eine native App machen könnte. Als Test habe ich auf meinem Android 8.1-Nexus 5X einfach mal Twitter Lite als PWA installiert und in der Timeline herumgescrollt – der Nachladeeffekt hat mich doch sehr an Java-Apps unter Symbian-Zeiten erinnert und ich war froh wieder in der nativ umgesetzten Gravity-App sein zu können.

Sicherheit und Modifizierbarkeit

Es ist kein Geheimnis, dass sich jede App und jedes Programm dekompilieren lassen. Damit kann (vereinfacht gesagt) der Maschinencode in lesbaren Code umgewandelt werden, je nach Plattform ist dies mehr oder weniger hilfreich und/oder aufwendig. Ist nun jede App eine PWA, ist sie nichts weiter als JavaScript-Code, der über die Browser-Tools ganz einfach auseinandergenommen werden kann.

Damit lassen sich nicht nur Schnittstellen einfacher auslesen, mithilfe von Browser-Erweiterungen lassen sich die PWAs auch komplett in ihrem Aussehen verändern (wie ganz einfach dargestellt an meinem Readable for BlaBlaCar-Add On). Ob das nun gut ist oder nicht, muss jedes Unternehmen und jeder Anwender für sich entscheiden…

Das Fazit

Zusammengefasst sehe ich persönlich die Idee der Progressive Web Apps als eine Entwicklung in Richtung „App-As-A-Service“ an. App Stores erfüllen in Zukunft die Rolle des Internet Explorers unter Windows (zum Herunterladen eines anderen Browsers, falls der Anwender möchte), alles andere geschieht in eben jenem Browser (war Chrome OS seiner Zeit voraus?). Es gibt über Browser und Betriebssystem hinaus keine Updates und keine Versionen. Und gefunden werden kann alles nur noch über die Suchmaschine…

Das Argument mit dem geringeren benötigten Speicher ist für mich hier aber die größte Sackgasse, denn sie zeigt nur, wie sich heutige Apps im Speicherwahn verrannt haben, wo die Facebook-App für Android fast so groß ist wie RollerCoaster Tycoon damals für den PC. Und wenn ich jetzt dran denke, womit ich mehr Spaß hatte…

Insgesamt ist die Technik der PWAs, so man das Twitter-Beispiel als Referenz nehmen kann, aber noch in den Kinderschuhen. Performance und Features sind genauso wie die Akku-Schonung noch weit hinter den nativen Geschwistern, auch wenn einige unsere Regionen nicht als aktuelle Zielgruppe für Twitter Lite ansehen. All diese Faktoren hängen bei einer PWA aber weniger vom Entwickler der Webseite ab, als vom Betriebssystem selbst…

Im Bezug auf Windows 10 ist die Technologie für Twitter aber die richtige: Man hat eine App im Microsoft Store, falls sich doch mal jemand dorthin verlaufen sollte und der nicht technisch-versierte Nutzer bekommt den Eindruck einer echten App und nicht einer Webseite, die in eine App eingepackt wurde, da diese anders aussieht. Wer ein dunkles Design, Drag & Drop für Bilder, das Bearbeiten des Header-Bilds oder einfach ein Design sucht, welches zu der Plattform gehört, sucht dieses in der neuen Windows 10-App aber vergeblich…

Deine Meinung ist gefragt!
Hast Du schon einmal eine mobile App als Webseite identifiziert? Oder die Twitter Lite-App auf Deinem Smartphone installiert? Was gefällt Dir als Nutzer (oder Entwickler) besser - PWA oder eine echte App? Ich freue mich über Deine Meinung in den Kommentaren...

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